Leseprobe aus „Das Glück fährt Taxi“
Carly betrat die ´Pizzeria Roma` und fühlte sich gleich heimisch. Seit Jahren traf sie sich jeden Mittwoch hier mit ihren Freundinnen Nadine und Jennifer.
Das Lokal war in viele Nischen eingeteilt, die mit dunkel gebeizten Holzbalken abgegrenzt waren. Tische und Stühle aus ebenfalls dunklem Holz vor weiß getünchten Wänden, rot-weiß karierte Tischdecken, frische Blumen und brennende Windlichter zauberten eine behagliche Atmosphäre. Die freundliche und liebevolle Bedienung tat ihr übriges, damit sich jeder Gast wohl fühlte.
„Hallo, Signora Bellmann. Die anderen Signoras sind auch schon da“, begrüßte sie der Wirt, ein kleiner, rundlicher Italiener mit Halbglatze und immer freundlichem Gesicht.
„Hallo, Luigi. Geht es Ihnen gut?“
„Si, si, bellissimo!“ Luigi lachte sie aus seinen schwarzen Augen an und deutete eine kleine Verbeugung an.
Carly winkte ihm noch einmal zu und bahnte sich den Weg durch das vollbesetzte Lokal zu ihrem Stammplatz, einem ruhigen, etwas versteckten Tisch ganz hinten im Lokal.
Sie umarmte ihre Freundinnen.
„Na, du bist aber wieder spät“, beschwerte sich Jennifer, von allen nur Jenni genannt.
„Tut mir Leid, bei uns war heute der Teufel los. Wenn das so weiter geht, ist meine Boutique bald leer gekauft. Ich muss morgen unbedingt neue Ware bestellen.“
„Du immer mit deinem Laden. Hast du überhaupt noch etwas anderes im Kopf?“
Die Bemerkung ihrer Freundin versetzte Carly einen Stich. „Wenn ich mich recht erinnere, hast du auch schon öfters bei mir eingekauft, Jenni. Und du warst ganz begeistert von meiner Kollektion.“
„Nun reg dich nicht über so ein paar Minuten auf“, versuchte Nadine zu schlichten.
Luigi trat an den Tisch.
„Was darf es denn heute sein?“, fragte er lächelnd in die Runde.
„Ich nehme die Lasagne, wie immer“, bestellte Nadine, und Jenni entschied sich für eine Pizza Funghi.
„Ein Mineralwasser und einen mittelgroßen Salat für mich“, meinte Carly.
„Oh, Signora, immer nur Salat.“ Luigi schüttelte missbilligend den Kopf. „Sie müssen etwas Richtiges essen. Sonst sind Sie nur noch ein Strich in deutscher Landschaft. Keinem Mann das gefallen!“
„Luigi, ich möchte einen Salat! Im Übrigen gibt es nirgendwo ein besseres Dressing als bei Ihnen.“
„Ganz wie Signora wünschen.“ Seufzend zog der Wirt in Richtung Küche davon.
Die Atmosphäre zwischen den Frauen beruhigte sich, und sie plauderten über alltägliche Dinge, bis Luigi das Essen servierte.
„Hab ich einen Hunger“, verkündete Nadine. Die Freundinnen ließen es sich schmecken.
Noch während Jenni sich das letzte Stück ihrer Pizza in den Mund schob, beugte sie sich über den Tisch hinweg zu Carly und sagte ernst: „Carly, wir machen uns Sorgen um dich.“
„Wieso? Mir geht es gut.“ Carly sah erstaunt von einer zur anderen.
„Na ja, du hast nur deinen Laden und deine Klamotten im Kopf. Du musst mal wieder an dein Privatleben denken.“
„Tu ich doch. Ich gehe jeden Mittwoch mit meinen besten Freundinnen essen!“
„Das meinen wir ja“, warf Nadine ein. „Für dich gibt es außer uns kein Privatleben. Oder hattest du in den letzten Monaten ein Date von dem wir nichts wissen?“
Carly schüttelte den Kopf.
„Genau das haben wir befürchtet. Seit dieser Tom aus deinem Leben verschwunden ist, siehst du keinen anderen Mann mehr an.“
„Und das ist schon über drei Jahre her! Wenn mir dieser Idiot damals in die Hände gefallen wäre, hätte ich ihm die Gurgel umgedreht!“, schimpfte Jenni.
„Jenni, bitte,... .“ Mit mehrmaligem Zwinkern versuchte Carly aufsteigende Tränen zu unterdrücken.
„Das glaube ich nicht, du weinst ihm immer noch hinterher?“
Carly schüttelte energisch den Kopf. „Nein, tu ich nicht!“
„Na, jedenfalls müssen wir deinem Liebesleben auf die Sprünge helfen, wenn du das allein nicht geregelt kriegst.“
„Ich brauche keinen Mann. Mir geht es auch ohne gut.“
„Carly, du wirst dreißig, auch deine biologische Uhr tickt.“ Nadine sah sie fast mitleidig an.
„Das Einzige was hier tickt, das seid ihr. Außerdem werde ich dreißig und nicht fünfundvierzig! Wenn wir schon dabei sind, was ist mit dir, Jenni?“
„Ich bin erst sechsundzwanzig! Und außerdem ist ein knackiger Männerhintern vor mir nie sicher“, konterte Jenni und warf dabei ihren Kopf mit den schwarzen, kurzen Haaren in den Nacken. Wie schon öfters in letzter Zeit, war sie stark geschminkt. Für Carlys Geschmack wurde sie immer flippiger.
„Mein Liebesleben ist hervorragend und steht im Übrigen heute nicht zur Debatte.“
Jenni wollte keine feste Beziehung. Sie wechselte die Männer wie andere Leute ihre Unterwäsche. Sobald sie befürchtete, ein Mann habe feste Absichten, machte sie einen Rückzieher.
„Meines auch nicht“, lächelte Nadine und streichelte liebevoll ihren dicken Bauch. „Außerdem habe ich mit meinen drei Männern mehr als genug zu tun.“
„Wieso?“ Jenni und Carly waren erstaunt. „Dein Jan trägt dich doch auf Händen und deine beiden kleinen Rabauken kommen erst in knapp drei Monaten.“
Nadine schmunzelte. „So ganz stimmt das nicht mehr. Es fällt Jan ganz schön schwer, mich im Moment auf Händen zu tragen. Bei meinem Umfang! Und meine beiden Jungs spielen jede Nacht in meinem Bauch Fußball.“
Wie auf Kommando bewegte sich der Pullover, der sich über ihrem Bauch spannte.
„Ist ja Wahnsinn!“, rief Jenni, obwohl sie durch ihre Arbeit als Sprechstundenhilfe in der Praxis eines Gynäkologen ständig mit Schwangeren zu tun hatte.
Carly wurde bei diesem Anblick ganz flau in der Magengegend. Eine leise Sehnsucht machte sich breit und sie schluckte. Schnell schob sie die plötzlich aufkommenden Gedanken von sich.
„Also, zurück zu dir!“, wandte sich Jenni erneut an Carly. „Du musst dir einen Mann suchen. Drei Jahre Abstinenz können nicht gesund sein.“
„Du spinnst doch!“
„Also, wir haben uns folgendes überlegt. In drei Wochen feierst du Geburtstag. Bis dahin brauchst du einen Mann.“
„Zum hundertsten Mal, ich brauche keinen!“ Carly sah sich erschrocken um, als ihr bewusst wurde, wie laut sie geworden war.
„Oh, doch. Und wenn du es bis dahin nicht geschafft hast, dann .... dann...“ Fieberhaft überlegte Jenni womit sie Carly ein wenig unter Druck setzen konnte. Ihr Blick irrte ziellos durch das Lokal und blieb schließlich an der Zeitung eines Herrn am Nachbartisch hängen. Eine große rot umrandete Anzeige erregte ihre Aufmerksamkeit und brachte sie auf eine Idee.
„Wenn du es bis dahin nicht geschafft hast, nehmen wir das in die Hand und schalten eine Partnervermittlung ein.“
„Nein, das tut ihr nicht!“
„Doch, das tun wir. Da kannst du Gift drauf nehmen!“
„Ihr habt ja nicht mehr alle Tassen im Schrank!“ Wütend warf Carly ihre Serviette auf den Tisch und sprang auf. Sie wühlte in ihrer Tasche, schmiss einen Geldschein auf den Tisch und nach einem: „Ihr könnt mich mal!“, rauschte sie aus dem Lokal.
Verdutzt sahen ihr die Freundinnen hinterher.
„War das nicht ein bisschen zu rabiat?“, fragte Nadine. „Wie bist du überhaupt auf die Idee mit der Partnervermittlung gekommen?“
„Ich wollte sie nur mit irgendetwas unter Druck setzen. Sonst denkt sie noch nicht einmal darüber nach, dass irgendwo die Liebe auf sie wartet. Die Idee mit der Partnervermittlung kam ganz spontan, als ich eine Anzeige in der Zeitung am Nachbartisch sah.“
„Wenn das nur gut geht. Hast du wirklich vor, eine Agentur einzuschalten?“
„Nee, das können wir uns nie im Leben leisten. Du weißt ja, auf meinem Konto ist ständig Ebbe und du musst bald tonnenweise Pampers kaufen. Aber wir haben Carly Feuer unterm Hintern gemacht. Und sie hat sicher Angst, wir würden unsere Drohung wahr machen. Wenn sie wenigstens ab und zu mal einen Mann genauer anschaut, haben wir schon viel erreicht.“
„Dein Wort in Gottes Ohr. Hoffentlich ist sie nicht zu böse auf uns. Stress ist im Moment nicht das Richtige für mich.“
„Sie wird sich schon wieder beruhigen. Vielleicht ist sie uns sogar eines Tages dankbar.“
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Völlig außer Atem bahnten sich die beiden Frauen einen Weg zur Bar und bestellten einen Rotwein für Carly und einen Sekt für Jenni. Sie waren durstig vom Tanzen, tranken die Gläser ziemlich schnell aus und bestellten noch einmal das Gleiche.
„Jenni, danke, dass du mich überredet hast mitzukommen. Ich war schon so lange nicht tanzen und wusste gar nicht mehr, wie herrlich das ist.“
Ihre Freundin grinste sie verschmitzt an. „Ich weiß! Aber jetzt suchst du dir jemand anderen zum Tanzen. Einen Mann natürlich! Sonst denken noch alle, wir sind lesbisch.“
„Du kannst mich doch jetzt nicht im Stich lassen! Ich kann nicht einfach einen wildfremden Mann auffordern.“
„Warum nicht? Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert!“
„Ich ... ich kann nicht...“
„Aber ich! Ich habe da so einen schnuckeligen Typ gesehen, den ich unbedingt kennen lernen will. Du entschuldigst mich...? Wir sehen uns später.“ Mit diesen Worten verschwand Jenni.
Carly stand mit ihrem Glas in der Hand an der Bar und nippte hilflos daran herum. Was sollte sie jetzt tun? Am liebsten wäre sie geflüchtet. Suchend schaute sie sich um. Wo Jenni nur geblieben war? Sie fand die Freundin heftig flirtend mit einem braungebrannten, nein, fast schon verkohltem Muskelpaket auf der Tanzfläche. Angewidert wandte sich Carly ab. Was Jenni bloß an dem fand? Der sah aus, als würde er vierundzwanzig Stunden am Tag, sieben Tage die Woche Gewichte stemmen.
Lustlos schob sie sich durch die Menge in Richtung See. Die Sonne war inzwischen gänzlich untergegangen. Carly setzte sich auf einen umgekippten Baumstamm und sah den leise plätschernden Wellen zu. Dabei kam sie sich ziemlich verloren vor und entschied, noch höchstens eine halbe Stunde auf Jenni zu warten. Ansonsten würde sie allein nach Hause fahren.
Immer mehr Liebespärchen fanden sich am See ein. Carly sprang auf und trat schnellstens den Rückweg zum Festplatz an. Zwischen all den knutschenden Pärchen hatte sie nun wirklich nichts verloren.
Noch etwas trinken und dann ab nach Hause, entschied sie und drängte sich durch die Menschenmenge zur Bar.
„Eine Cola, bitte!“, rief sie aus der zweiten Reihe.
„Hey, nur nicht vordrängeln! Ich war zuerst da!“, empörte sich Philipp und drehte sich um.
Für einen Augenblick hielten ihre Blicke einander gefangen und die Welt um sie herum existierte nicht mehr.
„Was... was machen Sie denn hier?“, stammelte Carly. Ihr Puls raste. Mit ihm hatte sie überhaupt nicht gerechnet.
„Das gleiche wie Sie, würde ich sagen. Etwas trinken und mich amüsieren.“
„Ich amüsiere mich nicht!“, fuhr sie ihn an.
„Ach nein? Wieso sind Sie dann hier?“
„Weiß ich auch nicht so genau. War wohl eine Fehlentscheidung!“
„Das können wir ja ändern. Kommen Sie!“ Philipp nahm Carly am Ellenbogen und zog sie mit sich.
Irritiert sah sie ihn an. „Wohin?“
„Nicht fragen, nur mitkommen.“
„Das könnte Ihnen so passen!“ Carly riss sich los und funkelte ihn mit ihren grünen Augen wütend an. „Glauben Sie etwa, ich geh mit jedem dahergelaufenen Playboy mit?“
Das war doch nicht zu fassen! Philipp biss die Zähne zusammen und zwang sich ruhig und gelassen zu bleiben, obwohl sie ihn provozierte, sobald sie aufeinander trafen.
„Ich wollte Sie nur auf die Tanzfläche führen.“ Er schenkte ihr ein bezauberndes Lächeln, das ihre Knie zittern ließ. „Bitte...“
Carly gab sich geschlagen. „Na gut, aber nur einen Tanz. Dann muss ich gehen.“
„Wie Madame befehlen.“ Was bin ich nur für ein Idiot, ermahnte sich Philipp, als er ihren eisigen Blick auffing.
Kaum waren sie auf der Tanzfläche, stellte die Band ihr Programm auf Schmusesongs um. Philipp zog Carly näher zu sich heran.
Als der Leadsänger ´...I just wonna feel, real love...` ins Mikrofon röhrte, war es um Carly geschehen. Sie konnte dahin schmelzen bei Songs von Robbie Williams. Sie schloss die Augen und lehnte ihre Stirn an Philipps Schulter. Langsam bewegten sie sich im Takt der Musik. Philipps betörendes Aftershave stieg ihr in die Nase und benebelte zusätzlich ihre Sinne. Seine Hand lag ruhig auf ihrem Rücken, kurz über dem Bund ihrer Jeans und strahlte eine Hitze aus, die Carly bis tief in ihren Bauch spürte. Die andere Hand vergrub er in ihrem wallenden Haar. Mit dem Daumen streichelte er sanft ihren Nacken. Carly erschauderte. Süße Empfindungen breiteten sich in ihrem Körper aus. Sie hoffte plötzlich, Robbie würde ewig weiter singen, damit dieser Augenblick nie vergehen möge. Viel zu schnell hörte die Band auf zu spielen. Enttäuscht hob sie den Kopf.
Mein Gott, wie schön sie ist, durchfuhr es Philipp, als sie ihn mit ihren großen grünen Augen fragend und irgendwie verletzlich ansah. Ihre Wangen waren gerötet und ihre feucht schimmernden Lippen leicht geöffnet, gerade so, als warteten sie auf einen Kuss.